Der Erwerb von Unternehmen oder Unternehmensteilen aus der Insolvenz bietet fuer Investoren und strategische Käufer erhebliche Chancen: attraktive Kaufpreise, bereinigte Strukturen und Zugang zu wertvollem Know-how. Gleichzeitig erfordert der Unternehmenskauf aus der Insolvenz besondere Sorgfalt, da die Rahmenbedingungen sich grundlegend von regulären M&A-Transaktionen unterscheiden.
1Übertragende Sanierung erklärt
Die übertragende Sanierung ist das am häufigsten genutzte Modell beim Unternehmenskauf aus der Insolvenz. Dabei werden die wirtschaftlich werthaltigen Vermögensgegenstände des insolventen Unternehmens -- wie Maschinen, Vorräte, Kundenbeziehungen, Markenrechte und Know-how -- auf einen neuen Rechtsträger übertragen.
Die alte Gesellschaft verbleibt mit ihren Verbindlichkeiten und Altlasten im Insolvenzverfahren und wird dort abgewickelt. Der Käufer erhält somit ein bereinigtes Unternehmen, frei von den Schulden der Vergangenheit. Dies ist der entscheidende Vorteil gegenüber einer ausserinsolvenzlichen Übernahme.
Für den Insolvenzverwalter ist die übertragende Sanierung oft die bevorzugte Lösung, da sie in der Regel eine höhere Befriedigung der Gläubiger erzielt als eine Einzelverwertung der Vermögensgegenstände. Das Unternehmen wird als laufender Betrieb (going concern) verkauft, was einen höheren Erlös ermöglicht, als wenn die einzelnen Vermögenswerte zerschlagen und separat veräussert werden.
Was wird typischerweise übertragen?
Maschinen, Fahrzeuge, Betriebsausstattung, Immobilien (soweit nicht belastet)
Marken, Patente, Lizenzen, Domains, Software, Kundenstamm und Geschäftsbeziehungen
Ausgewählte Lieferanten-, Kunden- und Mietverträge (mit Zustimmung der Vertragspartner)
Die Arbeitnehmer gehen bei einem Betriebsübergang nach § 613a BGB automatisch mit über
Warenbestände, Halbfertigprodukte und ausgewählte Kundenforderungen
3Due Diligence in der Insolvenz
Die Due Diligence bei einem Unternehmenskauf aus der Insolvenz unterscheidet sich erheblich von einer regulären Unternehmensprüfung. Die Zeit ist knapp, die Informationslage oft lückenhaft, und bestimmte Garantien, die bei normalen Transaktionen üblich sind, entfallen.
Die Due Diligence muss in wenigen Wochen statt Monaten abgeschlossen werden. Der Insolvenzverwalter kann nicht unbegrenzt warten, da die Fortführung des Betriebs die Masse belastet. Erfahrene Berater und eine fokussierte Prüfung sind entscheidend.
Die Buchführung des insolventen Unternehmens ist häufig unvollständig oder fehlerhaft. Wichtige Unterlagen können fehlen. Der Käufer muss mit einem höheren Informationsrisiko umgehen können und dies in seiner Kaufpreiskalkulation berücksichtigen.
Besonders wichtig ist die Prüfung von Eigentumsrechten (Sicherungsübereignungen, Eigentumsvorbehalte), laufenden Verträgen, Arbeitsverhältnissen, öffentlich-rechtlichen Genehmigungen und Umweltbelastungen am Standort.
Die Unternehmensbewertung folgt in der Insolvenz eigenen Regeln. Der Liquidationswert bildet die Untergrenze, der Fortführungswert die Obergrenze. Die Kaufpreisfindung orientiert sich am Markt: Entscheidend ist, was konkurrierende Bieter zu zahlen bereit sind.
Der Insolvenzverwalter verkauft typischerweise unter Ausschluss jeglicher Gewährleistung. Garantien und Freistellungen, die bei normalen M&A-Transaktionen ueblich sind, gibt es in der Insolvenz in aller Regel nicht. Was der Käufer nicht in der Due Diligence entdeckt, bleibt sein Risiko.
4Arbeitnehmerübergang nach § 613a BGB
Der Arbeitnehmerübergang ist eines der zentralen Themen beim Unternehmenskauf aus der Insolvenz. Nach § 613a BGB gehen bei einem Betriebsübergang sämtliche bestehenden Arbeitsverhältnisse automatisch auf den Erwerber über -- mit allen Rechten und Pflichten.
In der Insolvenz gelten jedoch wichtige Sonderregelungen, die den Erwerb attraktiver machen:
- Der Erwerber haftet nicht für Lohnrückstände, die vor Eröffnung des Insolvenzverfahrens entstanden sind (BAG-Rechtsprechung)
- Im Rahmen eines Interessenausgleichs mit Namensliste (§ 125 InsO) können Kündigungen erleichtert durchgesetzt werden
- Betriebsvereinbarungen können leichter angepasst werden, wenn dies zur Sanierung erforderlich ist
- Das Widerspruchsrecht der Arbeitnehmer besteht auch in der Insolvenz, ist aber in der Praxis selten relevant
- Kündigungsfristen des § 113 InsO (maximal 3 Monate) gelten für den Insolvenzverwalter
Ein Interessenausgleich mit Namensliste nach § 125 InsO ist fuer den Erwerber besonders vorteilhaft: Die im Interessenausgleich namentlich bezeichneten Arbeitnehmer gelten als betriebsbedingt gekündigt, und die Sozialauswahl kann nur auf grobe Fehlerhaftigkeit ueberprüft werden. Dies gibt dem Erwerber Planungssicherheit hinsichtlich der Personalstruktur.
Für den Käufer ist es entscheidend, die Personalkosten und Personalstruktur bereits in der Due Diligence genau zu analysieren. Die Übernahme sämtlicher Arbeitnehmer kann den Kaufpreis effektiv erhöhen, wenn Restrukturierungen erforderlich sind. Die Kosten fuer Sozialpläne und Abfindungen sollten in der Gesamtkalkulation berücksichtigt werden.
5Haftungsrisiken für den Erwerber
Obwohl der Asset Deal den Erwerber grundsätzlich vor den Altverbindlichkeiten des insolventen Unternehmens schützt, bestehen dennoch verschiedene Haftungsrisiken, die der Käufer kennen und einkalkulieren muss.
Firmenfortführungshaftung (§ 25 HGB)
Führt der Erwerber das Unternehmen unter dem bisherigen Firmennamen fort, haftet er grundsätzlich fuer die bestehenden Geschäftsverbindlichkeiten. In der Insolvenz wird diese Haftung nach herrschender Meinung jedoch nicht angewendet, da sie dem Zweck des Insolvenzverfahrens widersprechen würde. Dennoch empfiehlt es sich, im Kaufvertrag eine entsprechende Klarstellung aufzunehmen.
Umweltaltlasten
Umweltrechtliche Verantwortung kann auf den Erwerber übergehen, insbesondere wenn er Grundstücke oder Betriebsanlagen übernimmt. Die Zustandsverantwortlichkeit nach dem Bundes-Bodenschutzgesetz (BBodSchG) knüpft an das Eigentum oder den Besitz an, nicht an die Verursachung. Eine umweltbezogene Due Diligence ist daher unverzichtbar.
Steuerschulden (§ 75 AO)
Nach § 75 AO haftet der Erwerber eines Unternehmens fuer betriebliche Steuerschulden des Veräusserers, die seit Beginn des letzten Kalenderjahres vor der Übereignung entstanden sind. Die Haftung ist auf den Wert des übernommenen Vermögens begrenzt und setzt voraus, dass der Erwerber das Unternehmen im Ganzen oder wesentliche Betriebsgrundlagen übernimmt.
Absonderungsrechte
Vermögensgegenstände, die mit Absonderungsrechten belastet sind (z.B. Sicherungsübereignung, Eigentumsvorbehalt, Grundpfandrechte), können nur mit Zustimmung der Absonderungsberechtigten lastenfrei erworben werden. Der Insolvenzverwalter muss die Ablösung dieser Rechte organisieren, was die Transaktion verzögern oder verteuern kann.
6Ablauf und Timeline
Ein Unternehmenskauf aus der Insolvenz folgt einem straffen Zeitplan. Im Vergleich zu regulären Transaktionen ist der Prozess deutlich komprimiert. Typischerweise vergehen zwischen Erstkontakt und Closing nur 4 bis 12 Wochen.
Identifikation von Akquisitionszielen über InsolvenzIndex, direkte Kontaktaufnahme mit dem Insolvenzverwalter. Abschluss einer Vertraulichkeitsvereinbarung (NDA) und Erhalt erster Unternehmenskennzahlen.
Fokussierte Prüfung der wesentlichen Vermögenswerte, Verträge, Arbeitnehmer und Risiken. Besichtigung des Betriebs, Gespräche mit dem Management und den Schlüsselmitarbeitern.
Abgabe eines indikatives Angebots (Letter of Intent), ggf. im Rahmen eines strukturierten Bieterprozesses. Verhandlung des Kaufvertrags mit dem Insolvenzverwalter.
Der Gläubigerausschuss muss dem Verkauf in der Regel zustimmen. Unterzeichnung des Kaufvertrags (Signing). Bei grösseren Transaktionen ggf. kartellrechtliche Freigabe.
Vollzug der Transaktion (Closing), Übertragung der Vermögensgegenstände, Übernahme der Mitarbeiter. Beginn der Integration in die Käuferstruktur.
Schnelligkeit und Entscheidungsfähigkeit sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren fuer Käufer. Der Insolvenzverwalter bevorzugt Bieter, die schnell und verbindlich handeln können. Wer bereits vorab eine klare Akquisitionsstrategie und die Finanzierungszusage seiner Bank hat, ist gegenüber Wettbewerbern im Vorteil.
Fazit
Der Unternehmenskauf aus der Insolvenz bietet attraktive Chancen fuer vorbereitete Investoren. Der Asset Deal als übertragende Sanierung ist das Standardmodell und ermöglicht den Erwerb eines bereinigten Unternehmens. Entscheidend sind eine fokussierte Due Diligence, die Berücksichtigung des Arbeitnehmerübergangs nach § 613a BGB und die schnelle Entscheidungsfähigkeit im komprimierten Insolvenzprozess.
Tipp
Finden Sie auf InsolvenzIndex frühzeitig Unternehmen in der Insolvenz, die zu Ihrer Akquisitionsstrategie passen, und sichern Sie sich einen Informationsvorsprung.
Zur Insolvenz-SucheHäufig gestellte Fragen
Was ist eine übertragende Sanierung?
Die übertragende Sanierung ist die häufigste Form des Unternehmenskaufs aus der Insolvenz. Dabei werden die wirtschaftlich wertvollen Vermögensgegenstände (Betriebsmittel, Verträge, Marken, Kundenstamm) auf einen neuen Rechtsträger übertragen, während die alte Gesellschaft mit ihren Verbindlichkeiten im Insolvenzverfahren abgewickelt wird. Der Käufer erwirbt so ein bereinigtes Unternehmen ohne Altlasten.
Gehen die Arbeitnehmer beim Unternehmenskauf aus der Insolvenz automatisch mit über?
Grundsätzlich ja. Nach § 613a BGB gehen bei einem Betriebsübergang die bestehenden Arbeitsverhältnisse automatisch auf den Erwerber über. In der Insolvenz gelten allerdings Sonderregelungen: Der Erwerber haftet nicht für Lohnrückstände vor der Eröffnung, und es gelten erleichterte Bedingungen für die Anpassung von Arbeitsbedingungen im Rahmen eines Interessenausgleichs mit Namensliste.
Welche Vorteile hat ein Asset Deal gegenüber einem Share Deal in der Insolvenz?
Beim Asset Deal kann der Käufer gezielt die werthaltigen Vermögensgegenstände auswählen und belastete Verträge oder Verbindlichkeiten zurücklassen. Es besteht keine Haftung für Altverbindlichkeiten der insolventen Gesellschaft. Beim Share Deal würde der Käufer die gesamte Gesellschaft mit allen Rechten und Pflichten übernehmen, einschliesslich unbekannter Verbindlichkeiten und Risiken.
Wie lange dauert ein Unternehmenskauf aus der Insolvenz typischerweise?
Ein Unternehmenskauf aus der Insolvenz verläuft deutlich schneller als eine reguläre M&A-Transaktion. Typischerweise vergehen zwischen 4 und 12 Wochen vom ersten Kontakt bis zum Closing. Der Insolvenzverwalter steht unter Zeitdruck, da die Fortführung des Unternehmens Kosten verursacht und die Masse belastet. Schnelle Entscheidungsfähigkeit des Käufers ist daher ein wesentlicher Erfolgsfaktor.